Stadtnachricht

Ohne eigene Schuld schuldig geworden?

Feier zum Volkstrauertag auf dem Stadtfriedhof

Volkstrauertag 2021: am Ehrenmahl  (Foto: Berthold Hildebrand) Die Vertreter der Stadt, vom VdK und der Reservistengemeinschaft verneigen sich vor dem Ehrenmal für die Toten der Weltkriege (Foto: Berthold Hildebrand).

Die Gedenkrede hielt Dr. Gerhard Aden von der Reservistenkameradschaft Rottweil-Oberndorf. Er sagte, bei der Einführung des Volkstrauertages 1925 seien die Menschen auf den Friedhof gekommen, weil der 1. Weltkrieg in fast allen Familien schmerzliche Lücken hinterlassen habe. 1952, als der Volkstrauertag wieder auflebte, seien die Menschen in aufrichtiger Trauer an die Gedenkstätten gekommen. „Noch viel mehr als nach dem Ersten Weltkrieg sind die Menschen Betroffene gewesen. Der Verlust des Ehemannes, des Vaters, des Bruders, die ungeheure Schande, die das Naziregime über Deutschland gebracht hat, der Verlust der Heimat, die Hunderttausende von Zivilisten, der nicht enden wollende Bombenterror, der Leben, Gesundheit und Habe gekostet hat, führte die Menschen in aufrichtiger Trauer zusammen. Und heute? Warum kommen wir noch hierher, 76 Jahre nach dem Krieg?“ - fragte Aden. Selten hörten wir noch Zeitzeugen. Vielleicht sei es Dankbarkeit für das freiwillige oder erzwungene Opfer, das unsere Vorfahren gebracht haben oder bringen mussten. “Die Erkenntnis: ,Nie wieder Krieg, nie wieder Gewaltherrschaft' wurde erst durch das Sterben vieler Millionen zur Gewissheit. Unsere Freiheit, unsere Demokratie, unser Wohlstand, unsere Bildungschancen, unser Rechtsstaat, unser zivilisiertes Zusammenleben wurden auch auf den Schlachtfeldern Europas geboren“, sagte Aden. An zwei Beispielen aus dem letzten Krieg, erzählt von Zeitzeugen, wagte er - aus seiner Sicht als Soldat und Arzt - die Aussage, dass in diesem apokalyptischen Geschehen Opfer und Täter in einer Person verschmelzen können. An zwei Beispielen zeigte er auf, wie ein verletzter Soldat zum Mörder werden kann, um selber überleben zu können. Oder wie der junge Unterarzt, der dem schwerstverwundeten Kameraden die gnädige, aber  tödliche Spritze gibt, mit der Frage leben muss: Schuldig oder barmherziger Samariter? „Wir können schuldig werden, obwohl wir unschuldig sind“, schloss Aden. Gemeindereferentin Sigrun Mei gedachte der Toten mit einem Fürbittgebet.

Die Feier wurde sehr würdevoll musikalisch gestaltet vom Musikverein Frohsinn Rottweil-Altstadt 1869 e.V. und der Chorgemeinschaft Rottweil 1929 e.V.

Am Ende verneigten sich vor dem mit Kränzen geschmückten Ehrenmal Oberbürgermeister Ralf Broß und Bürgermeister Dr. Christian Ruf sowie die Vertreter der Ortsgruppe Rottweil des VdK, des VdK Sozialverbands Rottweil sowie der Reservistenkameradschaft Rottweil-Oberndorf. Werner Weiss vom VdK bedankte sich bei allen, die zum Gelingen der Gedenkfeier beigetragen haben.